logo

0

zum 9. Bloggeburtstag eine Geschichte vom Werden und Sein

zum 9. Bloggeburtstag eine Geschichte vom Werden und Sein

Danke an euch, Jubel und Konfetti: „x-mal anders“ sein hat Geburtstag. Vor neun Jahren ging dieser Blog online. Ich klickte zum ersten Mal auf „Veröffentlichen“. Trommelwirbel. Heute möchte ich mich bei euch bedanken und zu diesem Anlass, dem 9. Bloggeburtstag, eine Geschichte von Annelie und Gedanken zum Werden und Sein mit euch teilen.

Die kleine Raupe von Annelie

Wachsen und erwachsen werden

Es war einmal eine kleine Raupe, die hatte schon immer große Fragen gestellt. Warum ist die Sonne so hell? Warum sind die Blätter grün? Warum sammeln sich am Morgen feine Tropfen von Tau auf den Zweigen des Wacholderstrauches? Als Antwort hatte sie schon so oft gehört: „Noch verstehst du das nicht. Aber warte ab, bist du auch erwachsen bist. Dann, ja dann, wird alles endlich Sinn ergeben.“ Die Schnecke hatte es gesagt, der Grashüpfer hatte es gesagt, und sogar Mathilda die dicke Spinne hatte bedeutungsschwanger ihren schweren Kopf gewiegt. „Du bist noch so jung: Was weißt du schon vom Leben.“ Und wenn die Raupen des Abends auf ihrem Wacholderstrauch zusammensaßen, genüsslich kauten, dann meinte auch Finja oft: „Wartet erst einmal ab bis ihr eines Tages groß seid.“ Und ihre Stimme wurde dabei ganz geheimnisvoll. Finja war ganze zwei Wochen älter als die kleine Raupe, außerdem fast eine Viertel Schwanzspitze länger, und mächtig stolz darauf.

Immer wieder fragte sich die kleine Raupe, was das denn bedeute – Erwachsen zu sein. Vielleicht war man dann erwachsen, wenn man ein ganzes Wacholderblatt für sich ganz alleine verdrücken konnte? Vielleicht dann, wenn man von Kopf bis Schwanzspitze die Länge von drei frisch geschlüpften Raupen überspannte? Vielleicht hieß erwachsen zu werden auch zu verstehen warum Tautropfen perlen, Blätter grün schimmern … Warum die Sonne scheint? Die kleine Raupe wusste es nicht.

Einmal hatte die kleine Raupe sogar Finja gefragt: „Was heißt das eigentlich, erwachsen zu sein?“ Doch Finja hatte nur hämisch gelacht: „Dir werde ich das gerade erzählen. Du würdest es ja doch nicht begreifen.“ Finja, das wusste die kleine Raupe, konnte ohne Probleme ein Wacholderblatt verschlingen, manchmal sogar zwei. Und doch, besonders erwachsen erschien der kleinen Raupe ihre Antwort auf diese Frage nicht. Und so verwarft die kleine Raupe ihre erste Theorie. Aber ihre Neugier war noch immer nicht befriedigt. 

Da ist die kleine Raupe eines schönen Sonntagmorgens losgezogen, entlang ihres Wacholderstrauches. Als Erstes war ihr auf ihrem Weg die Ameise begegnet: „Du, Ameise“, fragte sie, „Wie groß muss man sein, damit man endlich erwachsen ist?“ Die Ameise jedoch antwortete nur: „Sieh mich an, kleine Raupe: Ich habe nun schon ein halbes Ameisenleben gelebt, und bin doch nicht größer als du. Manche Tiere sind nun einmal größer als andere, so will es die Natur. Aber mit dem Erwachsensein hat Größe rein gar nichts zu tun.“ Und zufrieden zog die kleine Raupe weiter, und verwarf ihre zweite Theorie.

am Boden des Wacholderstrauches

Am Boden des Wacholderstrauches begegnete die kleine Raupe der Eidechse, und die war für ihre Klugheit weithin bekannt. Also fragte die kleine Raupe: „Eidechse, wie viel muss man von der Welt verstehen, um endlich erwachsen zu sein?“ Sie fragte auch nach der Sonne, nach der grünen Farbe der Blätter, und natürlich nach dem Morgentau. Und die Eidechse begann zu erzählen, von Kernfusion, und Chlorophyll, von Kondensation, in vielen großen, schweren Worten. Dann aber wurde die Eidechse ganz still, und schüttelte betrübt ihren zierlichen Kopf: „Aber, kleine Raupe, was soll ich dir sagen: Ich habe schon so viele Erwachsene getroffen, die deutlich weniger von der Welt verstehen als du. Ich möchte fast sagen, auch Wissen hat nichts mit Erwachsensein zu tun. Was nun aber Erwachsensein bedeuten mag, das kann ich dir auch nicht sagen. Ich habe schon so viele intelligente Gespräche geführt, so viele dicke Bücher gelesen, sogar so manchen langen Essay geschrieben, aber eine Antwort auf deine Frage habe ich noch nirgends gefunden.“ Die Raupe verwirft also ihre dritte Theorie. Sie bedankt sich artig bei der Eidechse, und zieht enttäuscht weiter durch das hohe Gras. 

Beinahe zweifelt sie schon daran, dass ihr jemals irgendwer das Geheimnis des Erwachsenseins verraten wird. Doch wenn sie es nicht kennt, wie kann sie dann jemals erwachsen werden? Vielleicht gibt es ja irgendwo ein Kraut, dass sie wachsen lassen könnte, wenn sie es nur fände. Und die Welt verstehen lernen würde sie mit Freude. Aber scheinbar, scheinbar konnte ihr hier niemand so wirklich helfen. Denn das eine, was sie wirklich wollte, war, endlich erwachsen zu sein.

Müde ließ sich die kleine Raupe ins hohe Gras sinken, da lässt sich eine Eintagsfliege neben ihr nieder. „Was soll’s?“, denkt die kleine Raupe, „Wer nicht fragt, der nicht gewinnt.“ … Und sie spricht die Fliege an: „Du, Eintagsfliege, kannst du mir vielleicht verraten, wann man erwachsen ist?“ Die Eintagsfliege taumelt vor Schwäche, doch sie nimmt ihre verbliebene Kraft zusammen, um der kleinen Raupe eine Antwort zu geben. „Du, kleine Raupe, ich habe nicht viel von der Welt gesehen. Aber, all die Erwachsenen, denen ich begegnet bin, waren ausgebrannt, ihre Rücken gebeugt von Verantwortung, die Fühler immer wachsam aufgerichtet gegen den Rest der Welt. Als Larve, tief unten im See, da war ich unbeschwert und frei. Erwachsen zu sein ist hart. Vielleicht, vielleicht bist du dann erwachsen, wenn das kindliche Leuchten aus deinen Augen verschwindet. Vergib mir bitte, kleine Raupe, ich bin so unendlich müde.“ … Und so schließt die Eintagsfliege ihre Augen, aber die kleine Raupe denkt noch lange über das Gehörte nach. „Unbeschwertheit – die habe ich nie gekannt.“ Das ist das Letzte, was ihr durch den Kopf geht, bevor sie in die Traumwelt wegdämmert.

der prächtige Monarchfalter

Als die kleine Raupe am nächsten Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen erwacht, da sitzt die Eintagsfliege nicht mehr neben ihr, doch auf die Raupe fällt stattdessen der flüchtige Schatten eines Schmetterlingsflügels. Und plötzlich lässt sich neben der kleinen Raupe ein prächtiger Monarchfalter nieder, und breitet seine roten Schwingen aus. In der Morgensonne flimmern seine Flügel geheimnisvoll. „Guten Morgen kleine Raupe“, grüßt der Schmetterling. „Ach, ich denke gerne an die Tage zurück, in denen ich selbst noch als Raupe durch den Wacholderstrauch gekrochen bin.“ Die Raupe starrt ihn bloß an. „Du warst auch einmal eine Raupe?“ Der Schmetterling nickt majestätisch: „Sogar eine kleine, ausnehmend hässliche Raupe“. Er beginnt zu erzählen, vom Sich-verpuppen, und von Kokons und Metamorphose durch erlittenen Schmerz.

Die Raupe lauscht gebannt, und als der Monarchfalter geendet hat, da bricht alle Angst und alle Freude dieser Welt zugleich in einem einzigen lauten Lachen aus der kleinen Raupe hervor. Sie lacht über Fenja, über die Eintagsfliege, doch an allererster Stelle lacht sie über ihre eigene Unwissenheit. Sie wird nicht immer eine hässliche, kleine Raupe sein. Sie wird nicht unter immer neuen Lasten brechen, sondern, eines nicht allzu fernen Tages, wird sie als fabelhaft schöner Schmetterling durch die Morgensonne tanzen. Das ganze Ausmaß dieses Versprechens versteht sie in diesem einen, kurzen Moment. Und unter ihrem Lachen beugen sich die Halme der Gräser.

„Jetzt weiß ich endlich, wann ich erwachsen werde“, meint die kleine Raupe schließlich, „dann, wenn ich eine neue Haut geschenkt bekomme.“ Da jedoch wird der Schmetterling sehr ernst und schüttelt langsam seinen Kopf.  „Kleine Raupe, hör mir gut zu. Die anderen Tiere schauen dich an, und sie sehen bloß deine Fassade. Sie sehen, was sie sehen wollen. Sie sehen daneben auch ein kleines Stück weit den Abglanz deines eigenen Bildes von dir selbst. Doch unter der Fassade liegt das verborgen, was wirklich zählt. Im tiefsten Inneren wirst du dich lange nicht so sehr ändern, wie du vielleicht glaubst. Du wirst manchmal albern sein wollen, dich manchmal machtlos fühlen, oft genug zweifeln. Das alles ist okay. Du wirst dich nicht immer nach tanzen fühlen, aber die Freiheit zu tanzen, die wirst du haben. Erwachsen sein, heißt Freiheit, und nicht immer ist Freiheit leicht zu nutzen. Du aber, du wirst deine Flügel aufspannen und fliegen, das sehe ich dir an.“

Der Falter und die Raupe verabschieden sich herzlich. Und langsam, gemessen, macht die kleine Raupe sich auf den Weg zurück durch das Gras und hinauf an den Ästen des Wacholderstrauches entlang. In ihrem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Sie ist sich nicht sicher, dass sie alles, was der Schmetterling ihr sagte, völlig verstanden hat. Und doch ist jedes einzelne Wort für immer, unwiderruflich, in ihrer Erinnerung gespeichert. Freiheit. Sie hat keine Angst mehr, denn nun weiß sie, was sie erwartet. Sie wird Antworten finden auf ihre Fragen. Sie wird frei sein. Freiheit bringt Verantwortung, doch zu einer deprimierten Eintagsfliege will die kleine Raupe um keinen Preis werden. Sie freut sich ganz einfach, aus tiefstem Herzen, auf das Tanzen – ob in der Sonne oder im Regen.

werden und sein

Wir alle wollen werden. Manche wollen größer, klüger, erfolgreicher, schöner oder entspannter werden. Irgendwas, irgendwie, irgendwann wollen wir alle werden. Als Kinder woll(t)en wir erwachsen werden. Der Wunsch nach Weiterentwicklung steckt in uns allen. Genauso wie wir alle auf die Vergangenheit schauen oder in die Zukunft blicken. Doch halten wir einen Moment inne. Wir werden. Doch JETZT sind wir. Wie wäre es den Fokus auf das Sein zu legen, auf das x-mal anders sein? Auf den gegenwärtigen Moment? Vielleicht geht es uns allen wie der kleinen Raupe … Doch wir wissen auch, dass aus einer Raupe ein Schmetterling wird … Warum fangen wir dann nicht mit dem Tanzen an? Wobei das Tanzen als Metapher für das Bewegliche, das Aufrüttelnde, das Revolutionäre steht. Für das, was jetzt sein kann. Vor neun Jahren fing ich mit dem Bloggen an. Der Blog mag immer noch eine Raupe sein. Doch die Buchstaben tanzen. Heute zum 9. Bloggeburtstag x-mal anders. Im Sinne von „werden und sein“…

Herzlichen Dank an Annelie und alle, die hier lesen. Seid ihr Raupe oder Schmetterling? So oder so: Es ist schön, dass es euch gibt. Habt es fein!

Eure Anne


BloggeburtstagBloggingEntwicklungErwachsen werdenGedankenGeschichteKleinwuchsmentale GesundheitSeinWerdenx-mal anders sein

Schreibe den ersten Kommentar